FEATURE: Raumakustik – Innovationsanregungen für Grundriss und Baukonstruktion, Materialien und Technik

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Unlängst, ich hatte es mir auf einem Flug von Hong Kong nach London gerade in meinem Sitz bequem gemacht, fing kurz nach dem Start ein Baby an zu schreien! Die Aufregung dringt aus dem hinteren Teil der A380 herüber. Ich richte mich wohl oder übel auf eine Nacht ohne Schlaf ein, doch dann erinnere ich mich an die Kopfhörer mit aktiver Rauschunterdrückung in meinem Handgepäck, sogenannte „Noise Cancelling Headphones“. Ich setze sie auf, schalte sie ein und drücke auf Start. Stille! Ahhh… (Text von Alex Bradley)

In unserer von Lärm und Hektik geprägten Welt sind Momente der Stille eine Seltenheit, vor allem in Arbeitsumgebungen wie Büros. Deshalb plädiert Julian Treasure dafür, Architekten mehr für die Berücksichtigung der Raumakustik zu sensibilisieren. Er ist Vorstandsvorsitzender der Sound Agency, eines Unternehmens, das Geschäftskunden wie Büroleiter, Einzelhändler und Hoteliers über den Einsatz von Geräuschen und Klängen berät. In seinem TED Talk, erklärt Treasure, dass „Geräusche ständig und überall einen Einfluss auf unsere körperliche, seelisch-emotionale und geistige Befindlichkeit haben und zudem unser Verhalten beeinflussen“. Was das Arbeiten in Büroumgebungen betrifft, sinkt unsere Leistungsfähigkeit in einem Großraumbüro auf ein Drittel ab gegenüber dem Arbeiten in einem ruhigen Einzelraum, so Treasure. Als schnelle Lösung zur Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit empfiehlt er deshalb den Einsatz von Kopfhörern. Doch wie sähe eine langfristigere Lösung aus?

Die akustischen Störquellen in einem Großraumbüro sind vielfältig und allgemein bekannt: Kopiermaschinen, Telefone, Kollegen und Computer. Als im Jahr 1984 der Apple Mackintosh auf den Markt kam, bestand Erfinder Steve Jobs darauf, diesen statt mit einem internen Lüfter mit einer Konvektionskühlung auszustatten, damit er leiser liefe! Ein kleines Detail mit großen Folgen.

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Apple Campus II von Fosters + Partners
Das 260 000 m² große Gebäude (Eröffnung für 2016 geplant) wird mit einer Reihe von Innovationen aufwarten, unter anderem eine „Sound Wall“, eine um den Campus verlaufende Schallschutzwand, die den Lärm der angrenzenden Autobahn reduzieren soll

Schaut man vom kleinen Detail zum übergreifenden Konzept, so waren die 1980er-Jahre die Blütezeit der Hightech-Architektur, in welcher das Großraumbüro als Nonplusultra der Raumgestaltung galt. Beispielhaft für diesen Trend war das 1986 in London von Richard Rogers erbaute Lloyds-Gebäude, dessen ästhetischer Kunstgriff, üblicherweise innen Liegendes an die Außenseite des Gebäudes zu verlegen, bei seiner Eröffnung harsche Kritik erntete. Doch gerade die Verlegung von Treppenhäusern und Aufzügen sowie von Versorgungsleitungen für Strom und Wasser an die Gebäudeaußenseite bedeutete für die Lloyds-Mitarbeiter eine erhebliche Reduzierung der Geräuschbelastung in den inneren Büroräumen. Dieser innovative Ansatz ließ die Kritiker schließlich verstummen und brachte dem Gebäude im Jahr 2011 eine Klasse-I-Einstufung auf der Denkmalliste von „English Heritage“ ein, womit es das jüngste Gebäude ist, dem diese Auszeichnung zuteil wurde.

Im Jahr 2009 telefonierte Steve Jobs mit Norman Foster, der Nummer zwei unter den für ihre Hightech-Entwürfe berühmten Star-Architekten (im englischen Sprachraum „starchitect“ genannt). Berichten zufolge eröffnete er das Gespräch mit: „Hallo, Norman. Ich brauche Deine Hilfe …“ und das Ende der Geschichte war, dass Fosters + Partners den noch zu bauenden Apple Campus II im kalifornischen Cupertino entwerfen sollten. Das Gebäude (Gesamtfläche 260 000 m²) soll im Jahr 2016 fertig gestellt sein und wird eine Reihe von Innovationen beinhalten, unter anderem die weltweit größte Photovoltaikanlage und ein Parkdeck für Elektroautos mit mehr als hundert Aufladestationen. Einer der zentralen Gestaltungspunkte ist zudem die Raumakustik dieses Bürogebäudes. In der Projektbeschreibung, die der Baubehörde von Cupertino vorgelegt wurde, ist die Rede von einer Lärmschutzwand nördlich der Autobahn I‑280, durch welche die Mitarbeiter vor Verkehrslärm geschützt werden sollen.

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Hauptgeschäftssitz von Skype, Architektenbüro Design Blitz
Der Grundriss des Skype-Hauptgebäudes reserviert unterschiedlich schallbelastete Zonen für Interaktion, Entspannung und Konzentration. In einzelnen „Pods“ angelegte Arbeitsumgebungen fördern die Zusammenarbeit, während gleichzeitig andere Mitarbeiter nicht in ihrer Arbeitskonzentration gestört werden

 

Grundriss und baukonstruktive Maßnahmen

In Kalifornien findet man auch andere Bürogebäude, in den die Raumakustik berücksichtigt wurde, beispielsweise den Hauptsitz des Unternehmens Skype, ein Entwurf des Architektenbüros Design Blitz. Diesem Projekt ging eine breit angelegte Untersuchung zur kulturellen Funktion und Wirkung von Skype voraus. Anhand der Ergebnisse konnten drei unterschiedliche Typen von Räumen bzw. Raumnutzungen definiert werden: Interaktion (engl.: Collaboration), Entspannung (Contemplation) und Konzentration (Concentration). Dementsprechend verwies Design Blitz sämtliche Einzelarbeitsplätze an die Gebäudeperipherie (Concentration). Je weiter man von dort aus ins Innere des Gebäudes dringt, desto mehr nehmen Geräuschkulisse und Ablenkung zu, wobei die Begegnungsorte für die Mitarbeiter, an denen die meisten Geräusche entstehen, im Zentrum angeordnet sind (Collaboration). Die Entspannungszonen (Contemplation) sind in Form von informellen Lounges und „Pods“ über die gesamte Bürofläche verteilt und bieten die Möglichkeit, sich zu treffen, auszutauschen und zu interagieren (Collaboration). Alle Pods verfügen über eine Dachterrasse, wie sie in Konstruktionen mit großer Spannweite häufig eingesetzt werden. Als eine Art baukonstruktive Membran überkuppeln sie die einzelnen Pods und dienen so außer zur Schalldämpfung auch als Deckenabschluss.

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Hotel „Acoustic Composition“, Architekten Betillon/Dorval-Bory
Das Hotel verfügt über geometrische Formen in Grundriss und Konstruktion, mit deren Hilfe die natürlichen Klänge aus der Umgebung des Gebäudes eingefangen und ästhetisch unterstrichen werden

Auch jenseits der Welt der Geschäftsbüros gibt es viele nach akustischen Gesichtspunkten gestaltete Arbeitsumgebungen, von denen man sich inspirieren lassen kann. Beispielsweise verfügt das vom Architektenbüro Betillon/Dorval-Bory entworfene Hotel „Acoustic Composition“ über geometrische Formen in Grundriss und Statik, mit deren Hilfe die natürlichen Klänge aus der Umgebung des Gebäudes eingefangen und ästhetisch unterstrichen werden sollen. Die zentrale Halle des Gebäudes fungiert als Sammelraum für Geräusche von außen, die dann durch den trapezförmigen Querschnitt eines Tunnelsystems durch alle Räume geleitet und verstärkt werden. Im Kommentar der Architekten heißt es hierzu: „Auf diese Weise ist das Gebäude nicht länger ein Hindernis für die Naturgeräusche der Umgebung, sondern eine Art verzerrende Linse, durch welche die Schallwellen ein Echo bekommen und wie durch einen Schallspiegel zurückgeworfen werden.“

Materialien und Technik

Im Gegensatz dazu hat das Londoner Kaufhaus Selfridges im vergangenen Jahr den Klang der Stille gefeiert, indem es den einst von Harry Gordon Selfridge im Jahr 1909 erfundenen „Silence Room“ wiedererstehen ließ: Einen Raum, in dem die Kunden sich „von dem Trubel der Rabatte und der angestauten Energie zurückziehen konnten“. In der Neuinterpretation von Alex Cochrane wird aus der Vision von Selfridge ein Ort, an dem sich die reizüberfluteten Sinne durch eine minimalistische Gestaltung von Optik und Texturen erholen können. Dabei spielt hier das Material eine Schlüsselrolle: Wände, Boden und Sitzgelegenheiten sind mit cremefarbenem Filz verkleidet, dessen schallschluckende Eigenschaften den auf den breiten Bänken Erholung suchenden Kunden auch noch viel Komfort bietet. Der Raum hat eine derart entspannende Wirkung, dass schon manche Kunden in ihm eingeschlafen sind, während andere ihn zur Meditation nutzten.

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Selfridges (London): „Silence Room“ von Alex Cochrane Architects
Eine mit schallsschluckendem Filz ausgekleidete Oase der Ruhe für Kunden, die der Hektik und dem Stress des Kaufhauses entfliehen wollen; Fotografie/Quelle: Andrew Meredith

Filz kommt auch in Rom zum Einsatz und zwar in der edelsten Adresse für Feinschmecker, dem „Eataly“, das aus der Designschmiede von Julio Lafuente stammt, in Zusammenarbeit mit der Costa Group, Luceplan und Philips. Diese Lebensmittelkette kann zudem mit einem besonderen raumakustischen Schmankerl aufwarten, denn der Konferenzraum verfügt hinsichtlich Material und Technik über verblüffende Neuerungen. Wandpaneele sind mit (auf Knopfdruck hinterleuchtetem) Filz bespannt, wodurch sie nicht nur Lichtquellen darstellen, sondern auch den Schallschutz unterstützen. Ein spezielles Computerprogramm steuert dynamisch wechselnde Bilder, deren suggestive Stimmung man so schnell nicht wieder vergisst. Die raumakustischen Eigenschaften konnten durch die Anbringung von Deckenleuchten mit schallschluckenden Fassungen noch weiter verbessert werden, da sich so die Raumechos deutlich verringern ließen.

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Eataly (Rom): Konferenzraum von Julio Lafuente Schalldämpfende Wandverkleidungen und Beleuchtungkonzepte optimieren die Raumakustik dieses Sitzungsraums

Schallwellen nicht nur zu reduzieren, sondern sie komplett zu unterdrücken, ist das Ziel von Industriedesigner Rudolf Stefanich, der mit seinem „Sono Concept“ eine aktive Rauschunterdrückung verfolgt, nicht unähnlich den Kopfhörern, die mir im Flugzeug meinen Nachtschlaf gerettet hatten. Stefanich hat dieses Prinzip auf eine besondere, innenarchitektonische Designlösung übertragen. Dabei handelt es sich um eine Vorrichtung, die an das Fenster angebracht wird und dort mit einem hochfrequenten Lasermikrofon alle störenden Geräusche erfasst, diese mit eigenen Geräuschen quasi „beschießt“, so dass die Schallwellen sich gegenseitig kompensieren, noch bevor die Wellen das Fenster erreicht haben. Geräusche können auf diese Weise nicht nur unterdrückt werden, der Nutzer kann auch nach Belieben bestimmte Geräusche isolieren. Der Lärm der städtischen Hauptverkehrsader lässt sich so beispielsweise unterdrücken, wohingegen die klare Stimme eine Singvogels im angrenzenden Park herausgefiltert und verstärkt werden kann. Dass das Gerät tatsächlich funktioniert, ist mittlerweile von der Fachwelt bestätigt worden, was ihm im Jahr 2013 einen Platz unter den Finalisten des renommierten Designpreises „James Dyson Award“ eintrug.

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Sono Concept: Ein Gerät, das am Fenster montiert wird, wo es Geräusche abfängt und aktiv unterdrückt, bevor sie das Fenster erreichen

Einzelne Fallbeispiele aus anderen Branchen, wie zum Beispiel dem Gastgewerbe, dem Einzelhandel und der Unterhaltungselektronik, halten mitunter ebenfalls Inspirationen für Innovationen in Büroumgebungen bereit. Wer schlau ist, sammelt an solchen Orten neue Ideen für die eigenen Kontexte und Anforderungen.

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