FEATURE: Einrichtung: Flexible Gestaltung nach dem Baukastenprinzip

Flexible und modulare Einrichtungslösungen reagieren auf den gestiegenen Bedarf an multifunktionaler Raumnutzung. Orgatec geht dem Phänomen auf den Grund.
(Text: Alex Bradley)

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Durch das Home-Office-Konzept ist der Bedarf an intelligenten, modularen Einrichtungslösungen für den Wohnbereich gestiegen. Hier der „Live-Work-Space“, den der israelische Architekten Raanan Stern auf nur 15 Quadratmetern konzipiert hat

Wer mag Lego nicht? Als Kind verbrachte ich Stunden damit, bunte Türme, Flugzeuge und Häuser zu bauen. Vielleicht ging es Ihnen ähnlich: Lego weckte mein Interesse für Design. Mein Kindheitstraum wurde Jahre später tatsächlich wahr, als ich Teil des Designteam wurde, das mit der Gestaltung des A380 von Lufthansa, dem ersten Super-Jumbo-Jet für den europäischen Luftverkehr, betraut war.

Kleine Bausteine – auch bekannt als modulares Design – sind natürlich nichts Neues. In den 1960er Jahren wurden in verschiedenen Gestaltungsbereichen, von der Innenarchitektur bis hin zur Architektur selbst, experimentelle modulare Ansätze entwickelt. Der Autodidakt Jean Prouvé entwarf ein modulares Bausystem, das eine flexible Baukonstruktion ermöglichte. Er fertigte eine skalierbare Standardzelle an, die innerhalb kurzer Zeit seriell produziert werden konnte, sich leicht mit anderen „Zellmodulen“ kombinieren liess und unbeschränkte viele Konfigurationsmöglichkeiten eröffnete. Vielleicht war Prouvé ein Legofan?

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Der Prototyp der experimentellen Konstruktion von Jean Prouvé, Claude Prouvé und dem SIRH Kollektiv um Georges Quentin wurde 1973 errichtet. Hier eine Fotografie aus dem Jahr 2012, kurz vor dem Abriss

Im Jahr 1973 wurde in der französischen Stadt Ludres mit dem Bau eines Prototypen des experimentellen Modulsystems begonnen. Doch das Projekt verlief für Prouvé problematisch. Kurz vor Bauende, 1974, ging seine Firma bankrott und der Bau wurde eingestellt. Es kann darüber spekuliert werden, ob der Grund für den Niedergang der Firma möglicherweise die Gefahr war, die vom innovativen Charakter des SIRH-Prozesses für Konkurrenzunternehmen ausging. Glücklicherweise wurde das Gebäude detailliert in Fotografien dokumentiert, bevor es 2012 vollständig abgerissen wurde.

Das Konzept, das dem modularen Bauprogramm zugrunde lag, basierte auf der Herstellung einer skalierbaren, standardisierten Zelle, die seriell hergestellt werden konnte
Das Konzept, das dem modularen Bauprogramm zugrunde lag, basierte auf der Herstellung einer skalierbaren, standardisierten Zelle, die seriell hergestellt werden konnte

Modulare Systeme

Auf der anderen Seite des Atlantiks lancierte Michael Bloomberg, der damalige Bürgermeister von New York City, im gleichen Jahr einen Architekturwettbewerb mit dem Titel „adAPT NYC“. Gefragt waren Entwürfen für Micro-Apartments für Singles, die 47 Prozent der über 25-jährigen Stadtbewohner ausmachten. Das Siegerprojekt, My Micro NY von nArchitects war dem modularen System von Jean Prouvé aus den Siebzigern nicht allzu unähnlich. Es bestand aus einer Serie von 55 vorfabrizierten Modulen, durch die der zeitliche Aufwand und somit auch die Finanzierungs- und Baukosten deutlich verringert werden konnten.

Jedes Modul hat einen Grundriss von 92 Quadratmetern und somit eine Grundfläche, die die strengen Bauvorschriften der Stadt in Frage stellte. Diese wurden, um das Projekt abschliessen zu können, tatsächlich aufgegeben. Der geringe Platz wurde in jedem Modul durch enorme Wohnqualität kompensiert. Jedes Modul besteht aus zwei sorgfältig geplanten Zonen: der „Toolbox“-Zone mit einer kompakten Dusche, Toilette und Dachstauraum und der „Canvas“-Zone, die mit wandelbarer Möblierung zum Schlafen, Wohnen und Arbeiten ausgestattet werden kann. Diese flexible Inneneinrichtung trägt dazu bei, den Raum zu maximieren und spiegelt die wachsende Überschneidung von Wohn- und Arbeitsbereichen wider, die den jungen Stadtbewohnern, die 2015 in den Apartmentkomplex einziehen werden, nicht fremd sein wird.

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Das Siegerprojekt des adAPT NYC-Wettbewerbs „My Micro NY“ von nArchitects greift auf 55 vorgefertigte Module zurück, um einen kompakten Apartmentblock zu schaffen

Auch Particular Architects haben für die Gestaltung ihres Büros in Melbourne einen Dual-Zonen-Ansatz gewählt. Die erste Zone ist konventionell gestaltet, wohingegen die zweite beliebig umgestaltet werden kann. Sie ist durch eine wandelbare, extrem flexible modulare Struktur geprägt, die die Gestaltung verschiedener Räumanordnungen ermöglicht. Mit den ausklappbaren Tischen und mobilen Arbeitsstationen der modularen Einrichtung können die gestalteten Räume leicht auf die Bedürfnisse der Personen, die sich aktuell im Büro aufhalten, und die Art ihrer Arbeit abgestimmt werden. So sind sowohl konzentrierte Einzelarbeit als auch Teamsitzungen möglich.

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Zur optimalen Nutzung ihres Büroraums in Melbourne entwarfen Particular Architects „Transformer“, ein extrem flexibles, modulares Einrichtungssystem

Nicht nur die Gestaltung von Arbeitsplätzen wird flexibler, sondern auch die Arbeitszeiten selbst. Laut dem britischen Institute of Leadership and Management bieten 94 Prozent der Firmen ihren Angestellten flexible Arbeitsformen an. Aufgrund der Möglichkeit von zu Hause aus zu arbeiten, ist der Bedarf an ausgeklügelten modularen Einrichtungslösungen für den eigenen Wohnraum gestiegen. Der israelische Architekt Ranaan Stern hat zum Beispiel einen 15 Quadratmeter grossen Raum in einem Tel Aviver Apartment zu einem Atelier mit zwei Tischen, 36 Schubladen und modularen Staufächern sowie einem ausklappbaren Bett umgestaltet und somit Arbeits- und Wohnbereich verbunden. Gute Arbeit!

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Der modulare „live-work-space“ des israelischen Architekten Raanan Stern mit zwei Schreibtischen, 36 Schubladen, modularem Stauraum und einem ausklappbaren Bett

Lounge-Layouts

Durch Heimarbeit wird nicht nur der Arbeitsbereich in den Wohnbereich integriert, sondern auch umgekehrt werden gemeinschaftlich genutzte Räume in Büros zusehend wohnlicher gestaltet. Diese erinnern eher an Hotellounges als an traditionelle Büros – der Nagatino Coworking Centre stellt hier keine Ausnahme dar. Der Raum in einer ehemalige Möbelfabrik hat einen Grundriss von 603 Quadratmetern. In einem weitläufigen Loft sind insgesamt hundert, auf sieben Bereiche verteilte Arbeitsplätze, eine grosszügige Aufenthaltszone, ein mit fünf Betten ausgestattetes Minihostel, ein Kinderraum, drei Toiletten- und zwei Duschräume untergebracht.

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Für das Nagatino 2.0 Co-working Center verwandelten Ruslan Aydarov Architecture Studio eine frühere Möbelfabrik in einen offenen Arbeitsraum mit an eine Lounge erinnernden Arbeitsbereichen

Auch in den von Studio O+A gestalteten Büroräumen von Cisco in San Francisco herrscht ein Lounge-Feeling. Der helle und luftige Raum mit Blick auf die Bucht von San Francisco ist für ungezwungene Teamarbeit informell gestaltet und mit Loungeeinrichtung bestückt. Das Mobiliar reicht von traditionellen Einrichtungsgegenständen bis hin zu Sitzkissen und „Cocoons“, die einen geschützten Rahmen für vertrauliche Gespräche bieten. Dieser Gestaltungsansatz wird von weiteren Einrichtungselementen, wie Tafeln, Whiteboards und Pinnwände aufgegriffen. Somit können die Angestellten jederzeit spontan Ideen skizzieren oder Grafiken anbringen, die ihnen wichtig erscheinen.

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Das von Studio O+A gestaltete Büro von Cisco in San Franscisco besteht aus verschiedenen informellen Bereichen, die mit Lounge-Möblierung ausgestattet sind und ungezwungene Zusammenarbeit fördern

Der visuelle Eindruck der Inneneinrichtung ist zugegebenermassen sehr steril – eher Zahnarztwartezimmer als Hotellobby –, aber die dahinter verborgenen technologischen Erneuerungen sind äusserst interessant. So wurde beispielsweise ein sicheres, wandelbares Wireless-Netzwerks entwickelt, das es den Angestellten ermöglicht, sich frei im Raum zu bewegen. Ein weiteres Ergebnis hiervon ist die „Room Finder“-Anwendung, die von Control Group entwickelt wurde, um die Belegung von Konferenzräumen zu koordinieren. Die Anwendung kann von allen Angestellten über ihren iPad aufgerufen werden und ist mit MS Office, Lync und SharePoint verbunden, um allen Konferenzteilnehmern freien Zugang zu Dokumenten und Videokonferenzen zu verschaffen. Auf diese Weise wird mittels der Kerntechnologien eine reibungslose Interaktion etabliert.

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Die von Control Group gestalteten Räume von Brookfield Asset Management verfügen über eine „Room Finder“-Anwendung, die über iPads auch ausserhalb der Konferenzzimmer zugänglich ist, um Räume, Termine und Dokumente zu koordinieren

Der führende Trend- und Designforscher James Woudhuysen gibt in einem Interview mit Design Authority zu bedenken, dass Design progressiv sein sollte. Warum erscheinen dann heutige Gestaltungskonzepte im Vergleich zu den provokativen Entwürfen von Jean Prouvé und anderen Architekten und Designern der 1960er Jahre, wie beispielsweise Joe Colombo, so pragmatisch?

Warum folgen unsere Häuser und Büros den gleichen Regeln wie in den letzten fünfzig Jahren? Warum nehmen Küchen in kleinen Apartments immer noch 25 Prozent des Grundrisses ein? Könnten wir zum Beispiel das Produktdesign von einem Herd in Angriff nehmen, um den Grundriss freier zu gestalten und die Funktionsfähigkeit von „live-work spaces“ zu steigern? Offensichtlich sind Gesetze das grösste Hindernis. Aber wie das adAPT NYC-Projekt verdeutlicht, sind manche Regeln dazu da, gebrochen zu werden. Eine erweiterte Perspektive führt oftmals zu bedeutenden Innovationen unserer Häuser und Büros und darüber hinaus.

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